John Garstang
05. Mai 1876 – 12. September 1956
Der britische Altertumsforscher und Archäologe John Garstang wurde am 5. Mai 1876 in Blackburn in der britischen Grafschaft Lancashire geboren. Über seine familiären Hintergründe und seine schulischen Zeiten ist soweit nichts zu vermelden.
Seine akademische Karriere begann Garstang zunächst am Jesus College in Oxford als Mathematiker und nicht im Bereich der altertumswissenschaftlichen Disziplinen. Schon als undergrate student allerdings weckten alte Sprachen und archäologische Themen sein Interesse, und so wechselte er frühzeitig in die "Classics" hinüber und studierte Latein und Griechisch. In diesem für viele Altertumskundler doch so typischen Bereich kam er mit der Indogermanistik und weiteren alten Sprachen sowie der Archäologie enger in Berührung und widmete sich bereits vor der dem Examen altorientalischen (semitischen) Spachen. Nach einem glänzendem Abschluss seiner Studienjahre in Oxford war es kein geringerer als W. Flinders Petrie, der 1899 den damals 23-jährigen Garstang quasi entdeckte und seine Fähigkeiten und sein außergewöhnliches Wissen und Talent richtig einschätzte. Flinders Petrie bot ihm in diesem Jahr 1899 und für das Jahr 1900 an, seine Expedition nach Abydos/Ägypten zu begleiten und erste Erfahrung in der Grabungsmethodik und deren fachgerechte Auswertungen zu sammeln. Diese Zeit prägte den jungen Garstang, der sein Wissen und seine Erfahrungen in dieser Lehrzeit reichlich mehrte und von dem damals noch von Abenteurertum angehauchten Leben ganz eingenommen war.
Er blieb dem Thema und dem Kulturkreis Ägypten auch in den folgenden Jahren eng verbunden, kehrte des öfteren in das Land am Nil zurück und beteiligte sich an weiteren Ausgrabungen und entsprechenden Publikationen. Er war ob seiner schon sehr ausgeprägten Wissenschaftlichkeit in der Arbeitsweise bereits in diesem jungen Alter einer der bedeutenden Köpfe der britischen Altertumswissenschaften, überstrahlt vielleicht nur von A.H. Sayce. Im Alter von 26 Jahren wurde er 1902 von der Universität Liverpool zum Reader für Ägyptische Archäologie berufen. Seine Interessen den Alten Orient betreffend erweiterten sich ab 1903 und er begann sich für die Levante und Anatolien zu interessieren. Im Jahre 1904 unternahm er eine erste Sondierungsreise nach Anatolien, die der Erkundung interessanter Grabungsmöglichkeiten diente. Im Jahre 1907 erfolgte die Berufung zum Professor für Archäologie an der Liverpooler Universität und eine zweite ausgedehnte Forschungsreise nach Anatolien. Diese Professur behielt er im übrigen bis zu seiner Emeritierung 1941. Auf der besagten Reise besuchte er auch die Boghazköi-Grabungen Wincklers und Makridis, um sich vor Ort über erste Ergebnisse und die Grabung selbst aus erster Hand zu informieren.
Im Vorfeld der Grabungen haben Garstang und Sayce versucht, diese Grabung in Boghazköi unter die Ägide eines britischen Teams zu stellen, scheiterten aber, aufgrund der Einflussnahme des damaligen deutschen Kaisers Wilhelm II., auf diplomatischem Parkett.
Auf seiner Weiterreise unternahm Garstang dann eigene, bescheidene Grabungen in Aleppo und Saktschegözu. Am letzteren Ort setzte er die Grabungen 1908 und 1911 fort und es gelang ihm dabei größere Mengen an vorgeschichtlicher bemalter Keramik sicherzustellen und aufzunehmen. Auch Reliefdarstellungen auf Orthostaten wurden bei diesen Kampagnen gefunden. Angesichts der Funde Wincklers in Boghazköi ein bescheideneres Ergebnis, dass Garstang in typisch britischer Manier einem Wettkampf ähnlich sah und diese vermeintliche „Niederlage“ gegen Winckler schmerzte ihn noch Jahre später.
Seine Grabungsreisen und gewonnenen Ergebnisse der Anatolienaufenthalte fasste Garstang 1910 in seinem Werk The Land of the Hittites zusammen, dass 1929 überarbeitet unter dem Titel The Hittite Empire erschien und für die damalige Zeit Standardwerkcharakter besass.
Vor dem Ersten Weltkrieg kehrte Garstang aber erneut an den Nil zurück und grub in den Jahren 1910-1914 in den Wintermonaten in Meroe, der Hauptstadt des Alten Äthiopien und half auch hier grundlegende neue Erkenntnisse zu gewinnen.
1919 kam es im Zuge der Neuordnung der europäischen Machtverhältnisse nach dem Weltkrieg und damit auch der Neuordnung der Kolonialverhältnisse zu einer Mandatsverwaltung der Briten für Palästina. Dort wurde er zum Gründungsdirektor der British School of Archaeology berufen und leitete diese Institution mit großem Erfolg bis 1926. In dieser Position arbeitete er auch entscheidend an den Antikengesetzen der Mandatsverwaltung mit und half auch bei der archäologischen Erschließung des Landes. Aus Beständen des ehemaligen Ottomanischen Museums, die sich in Jerusalem befanden, baute er die Sammlung des "Palestine Museum" in Jerusalem auf und erweiterte diese bis 1926 um zahlreiche Fundstücke. Auch die erste große Nachkriegsgrabung in Ashkelon war das Verdienst Garstangs. Insgesamt ist diese Zeit in Palästina diejenige die die bleibendsten Erfolge Garstangs hervorbrachte.
Neben diesen Tätigkeiten fand Garstang aber noch genug Zeit und Energie sich den Problemen der Hethiterforschung zu widmen und dort für den Fortgang seiner anatolischen Forschungen Sorge zu tragen. Im 1923 erschienen Werk L.A. Mayers "Index of Hittite Names" sind zahlreiche fundierte Hinweise und Notizen aus der Feder Garstangs eingearbeitet, die den Wert des Werkes erheblich steigerten.
Im Jahre 1922 war Garstang ebenfalls an der historisch zu nennenden Runde beteiligt, an der W.F. Albright von der American School of Oriental Research und L.H. Vincent von der École Biblique et Archaeologique Francaise teilnahmen, in der die Terminologie und die Klassifikationskriterien des archäologischen Materials der Levante festgelegt wurden (und die zum größten Teil auch heute noch in Gebrauch sind).
Von 1930 bis 1936 führte Garstang in Jericho Grabungen durch, die zwar spärlich dokumentiert sind, aber dennoch reich an Ergebnissen waren. Durch diese Jericho-Grabungen kamen die ersten Spuren einer neolithischen Kultur ans Licht. Seine Deutungen bezüglich eines absoluten Datums für die Zerstörung der Stadt gelten heute als überholt, dennoch ist das Werk The Foundations of Biblical History: Joshua and Judges allein aus wissenschaftshistorischer Sicht interessant.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Ankara das British Institute of Archaeology eröffnet, dessen erster Direktor und etwas später auch Präsident Garstang wurde. In dieser Zeit führte Garstang seine erfolgreichen und auch bekannten Grabungen in Mersin/Kilikien durch, die neue und weiterführende Ergebnisse für das Neolithikum und die frühe Bronzezeit erbrachten. Schon deutlich von Krankheit gezeichnet wurde Garstang im Jahre 1956 zu einer Mittelmeer-Kreuzfahrt eingeladen, bei der ihm sein größter Wunsch, noch einmal die Grabungensstätten bei Mersin zu sehen, erfüllt werden konnte. Zwei Tage nach Beendigung der Reise verstarb John Garstang am 12.11.1956.
Nachruf.
AfO 19, 1959/1960, p. 228-229