Erich Neu

26. November 1936 – 31. Dezember 1999

 


Erich Neu wurde am 26. November 1936 im hessischen Wetzlar als Sohn von Otto und Clara Neu (geb. Holzwarth) geboren. Seine Schullaufbahn vollzog sich ebenfalls in Wetzlar und er beendete sie mit dem Abitur am dortigen Goethe-Gymnasium im März 1957.


Es folgte ein Studium an der nahe gelegenen Universität Marburg, wo E. Neu sich für Klassische Philologie, Vergleichende Sprachwissenschaft und Pädagogik einschrieb. Doch schon zu Beginn seines Studiums fand er den Weg zum Hethitischen als Heinrich Otten, der kurz zuvor nach Marburg berufen worden war, eine „Einführung in das Hethitische abhielt“. In einer Antrittsrede, gehalten vor der Akademie der Wissenschaften und Literatur zu Mainz (Jahrbuch 1992, p. 94) äußerte Erich Neu: „Ganz entscheidend aber sollten mein Studium und mein späterer wissenschaftlicher Lebensweg dadurch bestimmt werden, daß noch während meiner Anfangssemester der Hethitologe und Altorientalist Heinrich Otten an die Universität Marburg kam und ich sogleich seine erste Lehrversanstaltung „Einführung in die Hethitische“ besuchte."


1960 folgte das Staatsexamen mit einer Arbeit über „Bildungssinn und Bildungswert  des altsprachlichen Grammatikunterrichts“.


In seinem weiteren Hauptfach, der Vergleichenden Sprachwissenschaft war Josef Weisweiler sein akademischer Lehrer. 1966 promovierte Erich Neu über das hethitische Mediopassiv und seine indogermanischen Grundlagen, eine umfangreiche Untersuchung, die als StBoT 5 und 6 erschienen ist. Dieses Opus ist typisch für die Arbeitsweise und strenge Methode Neus, der zunächst eine philologische Sammlung aller Belegstellen der hethitischen medialen Verbalformen vorausgeht, um eine fundierte sprachvergleichende Analyse folgen zu lassen. Diese philologische Strenge und Beherrschung des Materials als Basis allen weiteren wissenschaftlichen Arbeiten auf sprachvergleichendem Gebiet war stets das Gebot Erich Neus, dass er uns Schülern im akademischen Unterricht ans Herz legte.


1966 wechselte Erich Neu nach Göttingen auf die Assistentenstelle von W.P. Schmid, wo er sich 1972 für die Disziplinen Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft wie auch Hethitologie habilitierte. 1976 erfolgte der Ruf an die Ruhr-Universität Bochum, wo er zunächst das Hethitische im Rahmen der Vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft vertrat. Im Laufe der Jahre nahmen die Studentenzahlen zu und eine Reihe heute bekannter Schülerinnen und Schüler sowie ausländischer Gäste fanden ihren Weg nach Bochum, so dass eine Bochumer Schule entstand. Zu Erich Neus Schülern gehören u.a. Jörg Klinger, Elisabeth Rieken, Detlev Groddek und auch der Verfasser. Auch gehörten stets ausländische Gäste zu seinen Hörern, zu nennen sind u.a Theo van den Hout und Silvia Luraghi.


Das umfassende hethitologische Werk Erich Neus schließt sowohl alle Facetten der akribischen philologischen Aufarbeitung des keilinschriftlichen Materials wie auch die sprachvergleichende indogermanistische Analyse ein. Vor allem war Erich Neu in den 1980er und 1990er Jahren entscheidend an den methodologischen Diskussion der sprachlichen und paläographischen Textdatierung beteiligt. Diese für die Hethitologie so eminent wichtige Möglichkeit, Texte genauer datieren, Original und Abschrift voneinander scheiden können und eine Trennung der Niederschriften in eine alt-, mittel- und junghethitische Periode vornehmen zu können, hat vor allem in den letzten Jahrzehnten die Arbeit am hethitischen Textmaterial grundlegend verändert. Erich Neu stand mit seinen Forschungsarbeiten an der Spitze der Forschung und hat die mitunter scharfe Diskussion um die Richtigkeit der Methoden und Kriterien der Textchronologie in vorderster Reihe ausgefochten. Von seinen zahlreichen Beiträgen zu diesem Thema seien hier vor allem der Band der Hethitischen Keilschrift-Paläographie (StBoT 21, 1975) genannt sowie sein bis heute, mit Christel Rüster erarbeitetes, unersetztes Hethitisches Zeichenlexikon (HZL 1989), das vor allem auch im akademischen Unterricht noch heute grundlegend ist.


Auch seine umfangreichen Textbearbeitungen, die über die philologische Erschließung der Texte so zahlreiche Hinweise zur Textüberlieferung, Textchronologie, Erhellung grammatischer Fragestellungen und Beiträgen  zum hethitischen Lexikon, auch sprachvergleichend, enthalten, sind bis heute für jeden, der sich mit dem Hethitischen befasst, unentbehrliche Werke. Vgl u.a. dazu Der Anitta-Text, (StBoT 18) Wiesbaden 1974, , Althethitische Ritualtexte im Umschrift, (StBoT 25) Wiesbaden 1980, Glossar zu den althethitischen Ritualtexten, (StBoT 26) Wiesbaden 1983.


Im akademischen Unterricht, an dem der Verfasser über viele Jahre die Ehre hatte, teilnehmen zu können, zeigte sich die große fachliche Kompetenz und sein allzeit unterstützendes und großherziges Wesen. In vielen Seminaren führte er seinen Schülern mit großem Einfühlungsvermögen für die Schwierigkeiten der Schrift und des Verständnisses des Inhalts in das Hethitische ein. Sehr lebhaft ist mir in Erinnerung geblieben, wie Erich Neu in seinem ihm eigenen Humor mich aufforderte, als ich bei einem syntaktisch und morphologisch bereits klar analysierten Satz Schwierigkeiten hatte, den etwas befremdlichen Inhalt in einen wohlklingenden und sinnstiftenden Satz zu übersetzen, ich solle mich nicht gegen den Inhalt wehren.


Erich Neus gesamtes Oeuvre verdeutlicht, mit welch großer Arbeitsenergie und mit welchem Fleiß er sich den Aufgaben seines Faches stellte. Eine Angewohnheit von ihm war, die Aufträge für den Arbeitstag an uns studentische Hilfskräfte auf kleine gelbe Notizzettel zu vermerken und diese uns auf die Schreibtische zu legen. Meist waren die Zettel neben der Unterschrift auch mit Datum und Uhrzeit ihrer Abfassung versehen und sehr häufig fanden sich nächtliche Stunden darin vermerkt.


Nach dem Fund einer hurritisch-hethitischen Bilingue in Boghazköi widmete sich Erich intensiv dem Hurritischen und legte eine umfangreiche Bearbeitung dieses zweisprachigen Textes 1996 vor, Das hurritische Epos der Freilassung (StBoT 32). Aber auch in einer größeren Anzahl an Beiträgen zur Morphologie und Syntax trug Erich Neu zum tieferen Verständnis des Hurritischen bei. Eine kleine Auswahl an Beiträgen mag dies verdeutlichen.

Das Hurritische. Eine altorientalische Sprache in neuem Licht, (AkWisseLit AbhGeistSozialwissKlas 3) Mainz 1988.

Hurritische Verbal formen auf -ai aus der hurritisch-hethitischen Bilingue, in: Fs W. Thomas (1988) 503-513.

Varia Hurritica. Sprachliche Beobachtungen an der hurritisch-hethitischen Bilingue aus attuša, in: Fs Otten 2 (1988) 235-254.

Zum hurritischen 'Essiv'in der hurritisch-hethitischen Bilingue aus attuša, in: Hethitica 9 (1988) 157-170.

Neu E. 1988e = Neu E., Zur Grammatik des Hurritischen auf der Grundlage der hurritisch-hethitischen Bilingue aus der Boğazköy-Grabungskampagne 1983, in: Hurriter und Hurritisch (1988) 95-115.

Neue Wege im Hurritischen, in: ZDMG Supplement 7 (1989) 293-303.

Zum hurritischen Verbum, in: Gs von Schuler 59 (1990) 223-233.

Der hurritische Absolutiv als Ortskasus. Zur Syntax der hurritisch-hethitischen Bilingue aus attusa, in: Fs Alp (1992) 391-400.

Miscellanea Hurritica, in: SCCNH 5 (1995) 45-52.

Zu einigen Satzmustern des Hurritischen, in: Hethitica 13 (1996) 65-72.



Erich Neus  Beiträge zur Indogermanistik und den indogermanischen Grundlagen des Hethitischen haben das Fach entscheidend mit geprägt und dazu beigetragen, eine neue Sicht auch auf die rekonstruierte Grundsprache zu entwickeln. Vor allem auf der Grundlage des Hethitischen, als älteste bezeugte indogermanische Einzelsprache, verwarf er das traditionelle Bild der Indogermanistik, dass nämlich die Grundsprache aus der Summe der einzelsprachlichen Befunde über ein breit gefächertes Kategoriensystem verfügte sowie man traditionell die idg. Grundsprache aus dem Befund des Altindischen, Griechischen und Lateinischen rekonstruierte. Diese Aufhebung der bis dahin geltenden Vorstellung, dass die bekannten idg. Einzelsprachen zur Rekonstruktion des Indogermanischen ohne diachrone Schichtung herangezogen werden können, ist das Verdienst Erich Neus. Die Berücksichtigung und stärkere Gewichtung des Hethitischen, mit seinem weniger ausgeprägten Kategoriensystem als etwa das Vedische oder Griechische, führt zur der Revision des traditionellen Erklärungsmodells eines vollausgeprägten Kategorien- und Formensystems, dass dann im Laufe der sprachgeschichtlichen Entwicklung nur abgeschliffen wird und von kategorieller Reduzierung geprägt ist. Stattdessen ist bereits grundsprachlich mit einer diachronen Schichtung zu rechnen. Siehe hierzu in Auswahl.


Das frühindogermanische Diathesensystem. Funktion und Geschichte, in: Grammatische Kategorien (1985) 275-296.


, Zum Wortschatz des Hethitischen aus synchroner und diachroner Sicht, in: IBS 52 (1987) 167-188.


Zum Alter der personifizierenden -ant- Bildung des Hethitischen, in: ZVS 102 (1989) 1-15.


Erich Neu war seit 1983 korrespondierendes Mitglied und seit 1992 gewähltes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.


Nachrufe:


von Elisabeth Rieken in Kratylos 47 (2002), S. 230-233

von Patrizia de Bernado-Stempel, Veleia 16, 1999, p.337 -339