Ferdinand Sommer
04. Mai 1874 – 03. Juni 1962
Ferdinand Sommer wurde am 4. Mai 1875 in Trier geboren, verbrachte aber seine Schulzeit von 1884-1893 in Kassel und schloss am örtlichen Humanistischen Gymnasium seine schulische Ausbildung mit dem Abitur ab. Sein Vater, von Beruf Rechnungsrat, legte viel Wert auf eine umfassende Bildung seines Sohnes insbesondere auf fundierte Lateinkenntnisse.
Das Studium nahm Sommer zunächst in Marburg auf, wechselte aber später an die Universität Freiburg im Breisgau und promovierte dort 1896 bei Rudolf Thuneysen (14. März 1857, Basel – † 9. August 1940 Bonn) mit einer Arbeit über das infigierte Personalpronomen im Altirischen. (Die Arbeit wurde in ZcPH 1, 1897, p. 177-231 mit dem Titel; Zur Lehre vom Pronomen personale infixum in altirischen Glossen gedruckt).
Sommer vertiefte seine indogermanistischen Studien anschließend bei Karl Brugmann (16. März 1849, Wiesbaden – † 29. Juni 1919 Leipzig) in Leipzig und widmete sich in den nächsten Jahren intensiv der Erforschung und detaillierten Beschreibung der lateinischen Sprachgeschichte. Sommer habilitierte sich im Jahre 1899, im Alter von nur 24 Jahren, bei Karl Brugmann mit der Arbeit „Die Komparationssufixe im Lateinischen.“ Intensiv setzte Sommer aber auch weiterhin seine Lateinisch-indogermanischen Studien fort und veröffentlichte 1902 das „Handbuch der lateinischen Laut- und Formenlehre“. Die zweite und dritte Auflage erschien 1914 in Heidelberg und wurde von Sommer überarbeitet. Ein umfangreiches und grundlegendes Kompendium der lateinischen Sprache, das bis heute ein Standardwerk der Indogermanistik wie der Latinistik darstellt. Dieses Opus magnum zeigte bereits, was Sommer auch in all seinen späteren Arbeiten auszeichnete, nämlich die sichere und grundlegende philologische Beherrschung des Materials sowie die scharfe Trennung von Gesichertem auf der einen und Möglichem oder Wahrscheinlichem auf der anderen Seite in der wissenschaftlichen Analyse des Sprachmaterials.
Dieses bleibende und äußerst fundierte Werk des jungen Sommer gab den Ausschlag, dass er bereits im Alter von 27 Jahren auf das Ordinariat für Indogermanistik nach Basel berufen wurde. Dort legte man auf eine enge Verbindung von Indogermanistik und Klassischer Philologie traditionell großen Wert.
1905 begann Sommer in Basel mit der grundlegenden Untersuchung der griechischen Sprachgeschichte, die u.a. umfassend die Wirkung des geschwundenen inlautenden /-s/ auf den Anlaut, die Besonderheiten des homerischen Griechisch sowie die wichtigen Analysen zur griechischen Poesie umfassten.( F. Sommer, Griechische Lehrstudien, Straßburg 1905.)
Im Jahre 1909 wurde Sommer nach Rostock und vier Jahre später nach Jena berufen, bevor mit einer kurzen Zwischenstation in Bonn (1924) im Jahre 1926 nach München wechselte, wo er dann bis zu seinem Lebensende wirken sollte.
1912 befasste sich Sommer mit dem Germanischen und hier insbesondere mit der gotischen Syntax und etymologischen Studien zur germanischen Wortgeschichte. (Siehe F. Sommer, PBB 37, 1912, p. 481-49; Die syntaktische Function von sa qimanda und sa qimands.)
1914 veröffentlichte Sommer sein Werk zur baltischen Nominalbildung „Die indogermanischen iå- und io- Stämme im Baltischen“, Leipzig 1914 das bis heute – trotz der wissenschaftlichen Fortschritte der zurückliegenden Jahrzehnte – nicht ersetzt worden ist. 1916 legte Sommer eine weitere fundamentale Publikation zu einem weiteren Zweig der indogermanischen Sprachfamilie vor. Die Untersuchung der Feminina der u- und i- Stämme im Vedischen und Altiranischen, in der Sommer die genaue Kenntnis der Quellen nachweist und eine genaue und umfassende Methodik der vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft zur Anwendung bringt. In nur 14 Jahren hatte Sommer in bedeutenden Sprachkreisen der damaligen Indogermanistik Arbeiten von großer wissenschaftlicher Tragweite verfasst, die über viele Jahrzehnte – und teilweise bis heute, von übergeordneter Bedeutung waren. Arbeiten zum Slavischen, zum Armenischen und zum Venetischen Vgl. Zur venetischen Schrift und Sprache in: IF 42, 1924, p. 90-132.) runden sein sprachvergleichendes Gesamtwerk ab.
Als Bedrich Hrozny 1917 das Hethitische entschlüsselte und erneut den indogermanischen Charakter herausarbeitete (J. Knudtzon hatte bereits 1902 anhand der Amarna-Tafeln den indogermanischen Charakter erkannt. Allerdings „widerrief“ er diese Erkenntnis als ihn die meisten Indogermanisten jener Zeit deswegen attackierten. Erst seit der Entdeckung Hattusas 1906 durch H. Winckler und der damit einhergehenden zahlreichen Tafelfunde war es überhaupt möglich, den indogermanischen Charakter des Hethitischen auf einer breiteren Materialbasis abzusichern, war Sommer, wie viele seiner indogermanistischen Zeitgenossen zunächst skeptisch, was diese Klassifizierung betraf.
Geradezu typisch für Sommer war sein Bemühen um eine eigene Beurteilung der Fakten, vor allem der schriftlichen Quellen und so beschloss er, sich in die Keilschrift, das Assyrische wie auch das Hethitische einzuarbeiten, um die Überlieferung kritisch beurteilen zu können. Dabei half ihm zunächst der Assyriologe Arthur Ungnad (*1880 (Magdeburg – †1945 (Berlin) und führte ihn ab 1918 in das Assyrische und in die Keilschrift ein. 1920 publizierte Sommer mit Hethitisches ( BoSt 4, 1920.*FN*) seine erste Veröffentlichung auf dem Gebiete der Hethitologie und übte bereits in dieser Arbeit in zum Teil scharfen Formulierungen Kritik an der bisher durch Hrozny und Forrer angewandten Methodik, die sich nach seiner Auffassung all zu schnell der Etymologie und dem Anklang an Indogermanisches hingab. Sommer forderte zunächst eine Deutung des Hethitischen aus sich selbst heraus und forderte die Forschergemeinde auf, auf der Basis penibler philologischer Forschungen – unter Ausschaltung der etymologischen Methode – vorzugehen. Für die Anerkennung der Hethitologie in benachbarten Wissenschaften, vor allem der Indogermanistik war dieses Bändchen von großer Bedeutung. Denn die Bestätigung Sommers, dass das Hethitische tatsächlich zur indogermansichen Sprachfamilie gehörte und das Hrozny dies richtig erkannt und begründet hatte, beendete die erneut aufkommende Diskussion hinsichtlich der Einordnung des Hethitischen bei einem Teil der nach wie vor skeptischen Indogermanisten. Die Autorität und das fachliche Gewicht Sommers verhalfen den Ergebnissen Hroznys entscheidend schneller zum Durchbruch.
Für Sommer typisch scheint auch die strenge und bisweilen auch verletzende Art gewesen zu sein, mit der er tatsächlich oder auch nur vermeintliche Schwächen und Unzulänglichkeiten seiner Mitforscher ins Visier nahm. Neben Forrer hat auch Hrozny dies leidlich erfahren müssen. Beiden Mitforschern schulmeisterte er mit bisweilen harten Worten und ironischer Kritik.
Von 1921 an wurde Hans Ehelolf Sommers wichtigster keilschriftlicher Berater, den Sommer selbst als seinen „selbstlosen und aufopfernden Freund“ bezeichnete. Sommer hatte auch über diese freundschaftliche Verbindung zu Ehelolf stets einen direkten Draht zu den in Berlin aufbewahrten Keilschrifttafeln und zu der Edition der Texte in den autographierten Ausgaben von KBo und KUB. Dies zeigt sich in den zahlreichen Rezensionen der Editionsbände, die Sommer verfasste.( Siehe OLZ 25, 1922, p. 453-455 (Rez. Zu H. Figulla KUB 1) oder OLZ 26, 1923, p. 446-447 (Rez. Zu B. Hrozny KUB II).
Sommer betrieb in den Zwanziger und Dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts intensive hethitologische Studien und prägte die junge Disziplin entscheidend mit. 1924 veröffentlichte er zusammen mit Hans Ehelolf „Das hethtitische Ritual des Påpanikri von Komana" (BoSt. 10, 1924.), dass für die folgenden Textbearbeitungen in der Hethitologie Vorbild wurde. Neben Umschrift und Übersetzungen, wurde ein philologischer Kommentar sowie ein vollständiges Wörterverzeichnis mitgegeben.
In der ab 1924 einsetzenden Ahhijawa-Diskussion, die neben der Erwähnung der Griechen in den hethitischen Texten vor allem auch die Nennung des mykenischen Festlandes in den Texten postulierte, schaltete sich Sommer erst ab 1926 ein und war von da an der wichtigste Vertreter der Gegenposition. Von 1924–1926 trat Sommer das Ordinariat an der Universität Bonn an. Am 1. April 1926 übernahm er die Professur für Indogermanische Sprachwissenschaft in München.
1932 bearbeitete Sommer umfassend das gesamte einschlägige Textmaterial zu dieser Frage und publizierte seine ablehnenden Ergebnisse in der Monographie „Die Ahhijava-Urkunden" (Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Abteilung, Neue Folge 2) und legte 1934 mit Ahhijavafrage und Sprachwissenschaft ( Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Abteilung, Neue Folge 9) eine weitere – vor allem auf sprachwissenschaftliche Argumente fußende – ablehnende Behandlung der Frage vor. Sommer kritisierte in seinen Argumentationen seine Kollegen und Mitforscher mitunter sehr scharf und zeigte sich streng in seinem methodischen Vorgehen und Forderungen, auch wenn man ihm in dieser leidenschaftlich diskutierten Frage heute manche Fehlinterpretation nachweisen kann.
Auf dem Gebiete der Altanatolischen Sprachen hat sich Sommer fast ausschließlich auf das Hethitische beschränkt. Nur das Lydische erregte noch Sommers Forschungsinteresse und so publizierte er zusammen mit Paul Kahle ( *1875 – †1964.*F) 1927 eine lydisch-aramäische Bilingue, die den Schlüssel zur weiteren Erforschung des Lydischen darstellte.( KlF 1.1, 1927, p. 18-86, Die lydisch–aramäische Bilinguis.)
Zusammen mit Ehelolf begründete Sommer 1927 die Zeitschrift Kleinasiatische Forschungen, um eine Bündelung der Publikationen hethitologischer und verwandter Wissenschaften zu schaffen. Dieses vorbildliche Vorhaben, dass auch Sommers Verdienste um die Ordnung der Strukturen des Faches verdeutlicht, ist leider nach dem Erscheinen von nur drei Heften (1927-1930) aus finanziellen Gründen eingestellt worden. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass es sieben Jahre früher wiederum Forrer war, der die Idee einer neuen Zeitschrift, in der die Ergebnisse der Disziplin gebündelt veröffentlicht werden sollten, ins Spiel brachte. Soweit feststellbar, ist es aber bei der Idee geblieben und zu keiner konkreten Umsetzung gekommen.
Trotz seiner intensiven Beschäftigung mit dem Hethitischen ab 1920 verfasste Sommer einige didaktisch wertvolle Lehrbücher für die Klassische Philologie und Indogermanistik gleichermaßen, lag ihm doch diese pädagogische Aufgabe der Nutzbarmachung sprachwissenschaftlicher Ergebnisse für den Unterricht stets am Herzen. ( Leipzig 1917, Sprachgeschichtliche Erläuterungen für den Griechischunterricht; Leipzig 1921; Vergleichende Syntax der Schulsprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Lateinisch, Griechisch); Leipzig 1920 Lateinische Schulgrammatik mit sprachwissenschaftlichen Erläuterungen.) Die meisten dieser Werke haben inzwischen mehrere Auflagen erfahren und sind auch heute noch fester Bestandteil des akademischen Unterrichts.
Seine Qualitäten als akademischer Lehrer werden von vielen Schülern in den Nachrufen lobend erwähnt und so verwundert es nicht, dass Sommer eine Reihe von bekannten Indogermanisten bzw. Hethitologen ausgebildet hat. Beispielhaft seien hier Albert Debrunner ( *1884 – †1958.) oder Annelies Kammenhuber(*19. März 1922 – † 24.Dezember 1995.) genannt.
Zusammen mit Adam Falkenstein, (Assyriologe und Sumerologe, *17. September 1906 – † 16. Oktober 1966.) der nach dem Tode Ehelolfs 1939 Sommers Ratgeber in Sachen Keilschrift wurde, publizierte Sommer mit der Monographie "Die hethitisch–akkadische Bilingue des Hattusili I. eine weitere umfangreiche und fundierte Untersuchung zu einem bedeutenden Text. Damit setzte er auch die Reihe der von ihm und Ehelolf begonnen Gemeinschaftsarbeiten erfolgreich fort.
Es überrascht auch nicht, dass Sommer 1947 mit Hethiter und Hethitisch (Stuttgart 1947) den damaligen Stand der hethitologischen Forschung zusammenfassend und verständlich für den Einstieg in diese Themen publizierte und für den akademischen Unterricht ein weiteres unentbehrliches Werk schuf.
Persönlich wurde Sommer durch den Verlust seiner umfangreichen Materialsammlungen getroffen, als durch die Zerstörung seiner Wohnung im Zweiten Weltkrieg auch seine private Bibliothek vernichtet wurde. Die ausgelagerte Seminarbibliothek des Münchener Institutes wurde kurz vor Kriegsende ebenfalls völlig vernichtet, so dass Sommer kaum über wissenschaftliche Hilfsmittel verfügte als er sich an die Abfassung von Hethiter und Hethitisch machte.
Die letzten Lebensjahre widmete sich Sommer der Erforschung der homerischen Überlieferung und den Feinheiten der homerischen Sprache. Am 3. Juni 1962 starb Ferdinand Sommer in München.
Ferdinand Sommers Verdienst um die methodischen Grundlagen des Hethitologie sind von allen Hethtitologen der ersten Forschergeneration anerkannt und gewürdigt worden. Seine Maxime, dass der Sprachforscher einen Text für seine Zwecke erst benutzen kann, wenn dieser philologisch gesichert und interpretiert ist, hat die junge Diziplin von den Kinderkrankheiten der allzu großzügigen etymologischen Deutung befreit. Dass Sommer dabei des öfteren in seiner Kritik den Boden der Sachlichkeit und der Angemessenheit überschritt, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass er an sich selbst und an andere strengste Maßstäbe anlegte, wie Schüler und Zeitgenossen in den Nachrufen immer wieder bezeugen.
Nachrufe
Gnomon 34, 1962, p. 844–847 (A. Scherer);
ZDMG 114, 1964, p. 13–15 (J. Friedrich);
Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1962, p. 1–6 (W. Wissmann);
AfO 20, 1963, p. 299-300 (H. Kronasser)