Otto Weber

1877 – 1928

 


Über die Herkunft und die Jugend Otto Webers lässt sich fast nichts ermitteln. Es scheint einiges darauf hinzudeuten, dass Weber im Süden Deutschlands aufgewachsen ist. Bei Fritz Hommel in München studierte Otto Weber Assyriologie und semitische Sprachen, wobei die altsüdarabischen Inschriften zunächst den Schwerpunkt bildeten. Erste Spuren Webers finden sich in Landshut (Bayern), wo Weber als Museumsbeamter tätig war.


Als im Jahre 1911 die Vorbereitungen auf die Neubesetzung der Kustodenstelle der Vorderasiatischen Abteilung der Berliner Museen begannen (Nachfolge Leopold Messerschmidt) und Kandidaten ins Auge gefasst wurden, war recht schnell auch Otto Weber im Gespräch. (Siehe ausführlich dazu Nicola Crüsemann, Jahrbuch der Berliner Museen, 42. Bd. Berlin 2000, Vom Zweistromland zum Kupfergraben, p. 170 ff.) Weber, der zu den engeren Freunden Hugo Wincklers zählte und auch - wie Winckler - der Idee des damals verbreiteten des Panbabylonismus anhing, hatte sich bereits mit einigen fundierten Arbeiten einen Namen gemacht. Im damals ausgefochtenen Bibel-Babel Streit hatte er im Jahre 1904 mit der Arbeit Theologie und Assyriologie im Streite um Babel und Bibel, (Leipzig 1904) in die Diskussion eingegriffen und dabei eine Gegenposition zu Friedrich Delitzsch eingenommen, der der führende Kopf dieser akademischen Disputation war. Dies schadete ihm aber offensichtlich nicht, da Friedrich Delitzsch im Zuge des Berufungsverfahrens zur o.g. Kustodenstelle nichts gegen Weber einzuwenden hatte, sondern - im Gegenteil -sich für ihn aussprach. Auch sein Werk Babylonier und Assyrer, das nach Ansicht der zeitgenössischen Kritk ein verdienstvolles und umfassendes Werk darstellte, wies ihn als sachkundigen und umfassenden Assyriologen aus.


In der Reihe Der alte Orient, herausgegeben von der VAG, hatte Weber einige Arbeiten publiziert, die durch ihren breiten Ansatz und in allgemein-verständlicher Weise Resultate assyriologischer Forschungen einem breiten Publikum nahebrachten. Auch seine beruflichen Erfahrungen, die ja bereits im Museumsdienst lagen, qualifizierten ihn zusätzlich. Er war also in Berlin durchaus bekannt, als er von seiner Berufung erfuhr.


Die offizielle Ernennung Webers zum Kustos der Vorderasiatischen Abteilung erfolgte am 01.04.1912 unter gleichzeitiger Verleihung des Professorentitels. Dies war eine Neuerung gegenüber seinem Vorgänger und stärkte insgesamt die Position des Kustos im Berliner Museumsbetrieb


Eine der ersten Aufgaben, um die sich Weber in seiner neuen Funktion widmen musste, war der Museumsneubau, dessen Planungen und Ausbau damals energisch vorangetrieben wurden. Weber war praktisch vom ersten Tage an intensiv mit den Planungen befasst. Dabei kam es zu einen kongruenten und scheinbar auch fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Walter Andrae, dem Mitausgräber Babylons und Assurs, so dass dieser bei der Ausarbeitung und Gestaltung der Museumsräume mitwirken konnte.


Er hatte einen guten Leumund und wurde alsbald sehr geschätzt, wie N. Crüsemann (s.o.) herausgefunden hat. So schrieb Bruno Güterbock, Schriftführer der Deutschen Orientgesellschaft im Jahre 1913 an Robert Koldewey:... Jedenfalls hat er vor den reinen Buchgelehrten, die sonst alle Assyriolgen sind, eine große Liebe für die Sachen, für die Altertümer voraus. In dieser Beziehung und auch in manch anderen, halte ich für besser noch als seinen Vorgänger Messerschmidt (siehe Crüsemann a.a.o. p. 172)


Durch sein geschicktes Verhalten gelang es ihm auch Bode für die Angelegenheiten der Vorderasiatischen Abteilung mehr zu interessieren, so dass er von Bode die Möglichkeit in Aussicht gestellt bekam, eine Expedition nach Boghazköi zu unternehmen. Vom 24. Mai bis zum 28. Juni 1913 reiste Weber in die Türkei und hielt sich Konstantinopel auf, um bessere persönliche Beziehungen zum Königlichen Ottomanischen Museum zu knüpfen. Diese Verbindungen sollten sich alsbald in lohnender Weise für die Vorderasiatische Abteilung auszahlen. Er erreichte in direkten Verhandlungen mit Halil Bey, seinem Direktoriumskollegen in Istanbul, eine der wohl bleibendsten Leistungen seines Lebens. Zum einen erhielt er die Zusage, dass die Ruinenstätte der Hethiterhauptstadt für ein eventuelles deutsches Unternehmen wieder freigegeben wird und zum anderen erreichte er, dass die Glasziegel aus Babylon direkt nach Berlin gesandt wurden. Auch im Zusammenhang mit den hethitischen Tontafeln und Fragmente, die sich im Museum zu Konstantinopel befanden, konnte sich Weber - in Fortsetzung dieser Reise - 1915 durchsetzen und verbindlich vereinbaren, dass die Tafeln zur Aufarbeitung und Restauration nach Berlin geschickt wurden. Schon im Januar 1916 trafen die ersten Kisten in Berlin ein. Weitere Sendungen erfolgten 1917. Er schuf damit die Grundlage für die wenige Jahre später bedeutende Rolle Berlins als „Haupstadt der Hethitologie".


Auch seine weiteren Bemühungen um die Hethiter sowie der Publikation der Ergebnisse trugen dazu bei, dass der Hethitologie ein sicheres Fundament geschaffen wurde. Er initiierte zahlreiche Reihen, die sich mit den Boghazköi-Tafeln befassten. Bereits Ende 1916 (also nur knapp zehn Monate nach dem Eintreffen der ersten Kisten mit den Tafeln) erschienen die beiden ersten Hefte der Reihe Keilschrifttexte aus Boghazköi (KBo), als deren Herausgeber die DOG auftrat. Die Initiative und der Motor dieser Reihe war jedoch fraglos Otto Weber. Hinzu kamen ab 1917 die Boghazköi-Studien (BoSt), die vornehmlich der Auswertung einzelner Fragestellungen diente, sowie ab 1921 Keilschrifturkunden aus Boghazköi (KUB), die im Selbstverlag der Vorderasiatischen Abteilung herausgegeben wurden. Bei allen diesen Unternehmungen war Weber der verantwortliche Herausgeber.


Ein weiterer Verdienst Webers war das sichere Erkennen von talentierten jungen Forschern, die er zur Hethitologie führte. So setzte er den jungen Hans Ehelolf, dessen direkter Vorgesetzter er war, mehr und mehr an die hethitischen Texte sowie schon ab 1917 den jungen Assyriologen Emil Forrer. Otto Weber und mit ihm auch zeitgleich Eduard Meyer erkannten das geniale Talent des jungen Schweizers. Weber gab ihm die Möglichkeit im Museum einen Raum zu beziehen, wo er scheinbar Tags und Nacht an den hethitischen Texten forschen konnte. 1920 beteiligte er ihn an der Herausgabe der Texte in KBo, dessen viertes Heft aus der Feder Forrers stammt.


Die unterschiedlichen Interessen von Delitzsch auf der einen und Weber auf der anderen Seite führten zur offiziellen Teilung der Vorderasiatischen Abteilung am 24. April 1916. Während Delitzsch nun die babylonisch-assyrischen Objekte übernahm, beschränkte sich Weber auf die hethitischen Fundstücke. Beide erhielten den Titel eines Direktors.


Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ausscheiden von Delitzsch wurde Otto Weber am 30. September 1918 der erste hauptamtliche Direktor der Vorderasiatischen Abteilung. Bis zu seinem plötzlichen Tode im Jahre 1928, der ihn scheinbar plötzlich im Urlaub ereilte, blieb Weber die treibende Kraft für die Boghazköi betreffenden Fragen im Museum.


Nachruf:


AfO 5 (1928-29), p. 40