Hugo Winckler

4. Juli 1863  – 19. April 1913

 


Hugo Winckler wurde in der Sächsischen Provinz zwischen Dessau und Leipzig im Örtchen Gräfenhainichen, dem Geburtsort des nach Martin Luther bekanntesten Kirchenlieddichters Paul Gerhardt, geboren. Im Alter von elf Jahren wurde Wincklers Vater von der Provinz nach Berlin versetzt und Hugo Winckler wechselte auf das bekannte wie traditionsreiche Berliner Wilhelmgymnasium.


Die schulische Ausbildung war für den jungen Hugo Winckler eine harte Zeit, wie Felix Peiser in seinem Nachruf schreibt, da ihm "die Mathematik ein Graus war" und die "Philologie ihn langweilte." Aber  als Schüler verschlang Winckler bereits historische Werke, insbesondere alles, was er biblischen Geschichte in die Hand bekam. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Gymnasialzeit, die er als "Zuchthaus" empfand, erlebte er die Universität als Befreiung, "sich nun ohne störende Aufgaben" ganz der Philologie, was schon nach kurzer Orientierungszeit die Assyriologie bedeutete, hingeben zu können.


Hugo Winckler gehörte zur ersten Schüler-Generation deutscher Keilschriftforscher. Bei seinem akademischen Lehrer Eberhard Schrader, Begründer der deutschen Assyriologie, promovierte er am 24. Juni 1886 in Berlin mit einer Arbeit über die Keilschrifttexte Sargons, mit denen Winckler sich bereits seit 1884 intensiv befasste. Diese Arbeit erschien 1889 mit dem oben genannten Titel in erweiterter und überarbeiteter Form. Vorausgegangen war im Jahre 1885 ein gründliches Studium sowie Anfertigungen exakter Abschriften der betreffenden Texte im British Museum in London.


Unmittelbar nach seiner erfolgreichen Promotion brach Hugo Winckler im Oktober 1886 zu einer einjährigen Forschungs- und Bildungsreise nach Paris und London auf, um in den dortigen Museen die einschlägigenTexte für die Überarbeitung seiner Dissertation zu kollationieren.


Nach seiner Rückkehr nach Berlin im Jahre 1887 begann Winckler, die damals noch recht überschaubare Sammlung der Vorderasiatischen Abteilung der Königlichen Museen  in Berlin zu inventarisieren. Diese Tätigkeit ermöglichte ihm, als erstem Gelehrten, an den im ägyptischen Amarna gefundenen und nach Berlin verbrachten Tafeln, auf philologischer Basis in Autopsie zu forschen. 1890 veröffentlichte Winckler die Ergebnisse seiner Arbeiten in der Monografie Der Tontafelfund von Tell el-Amarna.


Hugo Winckler war in jener Zeit ebenso bemüht, die immer zahlreicher werdenden Ergebnisse der assyriologischen Forschung, durch die Gründung geeigneter Publikationsorgane zu fördern. Schon 1886 hatte er mit den Mitteilungen des Akademisch-Orientalistischen Vereins ein Publikationsorgan ins Leben gerufen. 1896 gründete Hugo Winckler die Vorderasiatische Gesellschaft in Berlin und mit ihr deren Mitteilungsorgan, als weitere Zeitschrift für die Ergebnisse altorientalischer Forschung. Auch sein Berliner Kommilitone und enger Freund Felix Peiser war stets von der Idee durchdrungen, ein umfassendes Publikationsorgan für die Wissenschaften vom Vorderen Orient zu gründen.


In jenen Jahren trug Hugo Winckler auch sein historisches Entwicklungsbild des Panbabylonismus vor, dass er aus den Befunden seiner philologischen Arbeiten glaubte herleiten zu können. Dieses historische Bild belegte er selbst mit dem Begriff Panbabylonismus, um den – seiner Ansicht – nach weitreichenden und tiefgreifenden Einfluss des babylonisch-assyrischen Denkens auf das alte Testament und dessen Götter- und Religionsbild zu beschreiben. Mit diesem Panbabylonismus gehörte Winckler zu den Vorreitern des wenige Jahre später entfachten Bibel-Babel Streites, der personell vor allem mit Friedrich Delitzsch verbunden ist. Winckler folgten Peter Jensen und Alfred Jeremias, die beide versuchten einen Großteil der biblischen Erzählungen aus dem Gilgamesch-Epos herzuleiten.


Im Jahr 1890 gründeten die beiden Freunde Winckler und Peiser die Orientalistische Literaturzeitung. Im gleichen Jahr endete Wincklers Tätigkeit für die Vorderasiatische Abteilung, da eine bezahlte Anstellung für einen Assyriologen nicht  vorgesehen und finanzierbar war, wie Peiser in seinem Nachruf berichtet.  Wincklers vorrangiges wissenschaftliches Interesse in dieser Zeit galt der Rekonstruktion der altorientalischen Geschichte und damit vor allem der Erschließung der Quellen für diese historischen Forschungen. Zusammen mit seinem Schwager Ludwig Abel autographierte er in Berlin zahlreiche Texte, vor allem aus dem Amarna Material. Im gleichen Jahr habilitierte sich Winckler in Berlin und nahm die Tätigkeit eines Dozenten war, ohne allerdings dafür ein ausreichendes Salär zu beziehen.


Wie Johannes Renger (s. u.) berichtet, hat nach der Erkrankung und vorzeitigen Emeritierung Schraders vor Winckler die Hauptlast des akademischen Unterrichts in Berlin getragen und sich sehr um die Lehre sehr verdient gemacht.


In den 1890er Jahren trat aber auch Boghazköi immer stärker in den Focus der internationalen wissenschaftlichen wie diplomatischen Bemühungen. Mit großer Hartnäckigkeit verfolgte Winckler nun das Ziel, in Boghazköi Grabungen durchzuführen, da er dort Texte aus der Armana-Zeit vermutete. Er war auch - wie Sayce - davon überzeugt, dass die Ruinen die Hauptstadt der Hethiter darstellten und eine reichliche wissenschaftliche Ernte einzufahren sei. Silvia Alaura hat in ihrem soeben erschienen Werk (Nach Boghasköi, 13. Sendschrift der Deutschen Orient-Gesellschaft, Berlin 2006) detailliert darlegt, dass das Tauziehen um eine Grabungserlaubnis zwischen den Briten und Deutschen, stets von dem beiderseitigen Wissen um die Bedeutung der Ruinen geprägt war.  Aufgrund der guten politischen Beziehungen des Deutschen Reiches sowie diplomatischer Schützenhilfe des Auswärtigen Amtes und der Deutschen Botschaft in Konstantinopel, aber auch durch persönliche Unterstützung des deutschen Kaisers Wilhelm II. gelang es der Deutschen Orientgesellschaft (DOG), letztendlich die Grabungserlaubnis zu erhalten.


Am 10. Juli 1904 machte sich Hugo Winckler im Auftrage der DOG mit der Eisenbahn von Berlin-Charlottenburg über Budapest auf den Weg nach Konstantinopel  und weiter- studienhalber - zunächst an die phönikische Küste nach Beirut, Sidon und Tyrus.

Im Herbst 1905 machte sich Winckler am 14. Oktober auf den fünftägigen Ritt von Ankara nach Boghazköi zu einer ersten Erkundung des Areals, gemeinsam mit Theodor Marikidi von der osmanischen Antikenverwaltung. Eine sehr eindrückliche Schilderung des Rittes hat Winckler in der populär verfassten Schrift Nach Boghaz-Köi! Ein nachlassenes Fragment, (AltOr 14) Leipzig 1913, der Nachwelt hinterlassen, in der er vor allem über die Mühsal des Reitens sowie über die Plage des Ungeziefers und seine Diarrhoe klagte. In den wenigen Tagen bis zur Rückreise nach Ankara am 22. Oktober besuchte Winckler den Tempel I, Büyükkale, Nisantas-Tepe und Yerkapi mit der Poterne. Auch fand er oberflächennah einige Keilschrifttafeln, die er in seinen Tagebüchern in Kopie aufnahm. (Siehe dazu den Beitrag von Horst Klengel in Istanbuler Mitteilungen 43, 1993, Hugo Wincklers Tagebücher, p. 511 516.) Über Yozgad und Ankara fuhren Markidi und Winckler zurück nach Kostantinopel und verstärkten unter dem Eindruck des Gesehenen ihre Bemühungen, die von Winckler geschätzten 30.000 Mark für die Durchführung einer Grabungskampagne zusammen zu bekommen. Ein Großteil der Finanzierung stellte das Industriellen-Ehepaar Hahn aus dem Ruhrgebiet mit Zweitwohnsitz in Berlin zur Verfügung sowie der Berliner Mäzen der DOG James Simon.


Im Jahre 1906 war er am Ziel und in einer ersten, etwas systematischer angelegten, Grabung fanden Makridi und Winckler auf Anhieb viele Tontafeln und waren sich bereits nach kurzer Zeit absolut sicher, die Hauptstadt des hethitischen Reiches auszugraben. Schon in den ersten Tagen wurden bedeutende Textfunde gemacht. Winckler konzentrierte sich auf die von ihm lesbaren Texte in akkadischer Sprache und meldete an Bruno Güterbock brieflich seine unglaublichen Funde nach Berlin. So schreibt Hugo Winckler bereits am 8. Juni 1907, nach wenigen Tagen Arbeit vor Ort:


"Als No1 möchte ich aufführen eine Urkunde von etwa 150 erhaltenen langen Zeilen (es fehlt nicht viel), welche unter den wichtigsten gezählt werden dürften, die wir überhaupt in Keilschrift haben. Das Eingreifen in die anderen Nachrichten, der Tel-Amarna-Tafeln erscheint selbst dem, der in dieser Beziehung manches gewöhnt ist, märchenhaft. Wir haben in dieser Urkunde, welche berichtet, wie der Chattikönig im benachbarten Lande Mitani (Mesopotamien) eingegriffen und die Verhältnisse geordnet hat, eine chronikartige Fortsetzung dessen, was uns die Tel-Amarna-Briefe lehren." (Zitiert nach S. Alaura, 2006, p. 123.)


Zu den vielen wertvollen Funden, die Winckler in der ersten Kampagne machte, gehört vor allem die akkadische Fassung des Friedensabkommens mit Ramses II: von Ägypten, einem bis heute der beeindruckendsten Textfunde in Boghazköi und der Anitta-Text.


Zum Ablauf der Arbeiten, die von Makridi und Winckler in den Kampagnen 1906 und 1907 vornahmen und die bis heute aufgrund der mangelhaften Dokumentation der Fundorte der Kritik ausgesetzt sind, gibt es einen zeitgenössischen Bericht des bekannten deutschen Altertumskundlers Ludwig Curtius, der schon vor einem Jahrhundert seiner Verwunderung über die Methodik des Vorgehens Ausdruck verlieh, als er sich vor Ort bei Winckler in Boghazköi über den Stand der Arbeiten informierte:


"Winckler nahm an der Ausgrabung selbst nicht den geringsten Anteil, sondern saß den ganzen Tag in seinem Studierzimmer und las, um sich eine rasche Übersicht über die täglich massenhaft zuströmenden Funde von Keilschrifttafeln zu gewinnen, ihre Texte rasch durch.  Makridy sah sich keineswegs veranlasst, uns über die Herkunft dieser und über die Art der Auffindung irgend etwas mitzuteilen. Sein Vertrauensmann und eine Art von Oberaufseher über die Arbeiter war ein junger, baumlanger, ganz in seine braune Landestracht gekleideter schöner Kurde, mit Namen Hassan.


Eines Tages fiel mir auf, daß dieser am Morgen von unserem in halber Höhe des Ausgrabungsgeländes erbauten Hause mit einem Korbe und einer Spitzhacke zum großen, in der Ebene gelegenen Tempel ging. Ich folgte ihm, um zu erfahren, was er dort tue. Da sah ich, dass in der Kammer 11 des großen Tempels ganze, klar geschichtete Reihen schräg liegender, ganz erhaltener Tontafeln lagen, von denen der Kurde in kurzer Zeit, so, wie eine Bäuerin Kartoffeln aus ihrem Acker klaubt, so viele Stücke loslöste, als in seinem Korbe Platz fanden. MIt dieser Ernte ging er in unser Haus zurück, überlieferte sie Makridy Bey, der sie triumphierend Winckler überreichte."

(Zitiert nach Ludwig Curtius, Deutsche und Antike Welt. Lebenserinnerungen, Stuugart 1951, p. 312-313).


Insgesamt leidet die Hethitologie bis heute an der mangelhaften Dokumentation der Funde der Wincklerschen Kampagnen, die so zahlreiche und wichtige Texte hervorbrachte. Auch die Nachgrabungen, die Kurt Bittel in den 1930er Jahren in dem Schutt der ersten Kampagnen von Winckler durchführte, ergaben noch zahlreiche Textfunde.


Die Grabungen unter dem Gespann Winckler/Makridi wurden 1907 und 1911/1912 fortgeführt wurden, erbrachten insgesamt an die zehntausend Keilschrifttafeln nebst Bruchstücken. Winckler selbst publizierte zwar in der Folgezeit einige Beiträge, die sich auch auf die Funde in Boghazköi bezogen, aber eine ausführliche und große Auswertung und Dokumentation seiner Arbeiten in der Hethiterhauptstadt wurde nicht erstellt, auch weil Wincklers Gesundheitszustand dies nicht mehr zuließ. Bereits zu Beginn der letzten Kampagne 1912 war Winckler gesundheitlich stark angeschlagen. Er kehrte ernsthaft erkrankt nach Berlin zurück und starb am 13. April 1913 in Berlin.


Nachrufe/Literatur:

Siehe hierzu auch ausführlich J. Renger, Die Geschichte der Altorientalistik und der vorderasiatischen Archäologie in Berlin von 1875 bis 1945, 1979, 151 – 192

Nachruf von F. Peiser in OLZ 16 (1913), p. 198.